„Wir müssen uns im Prinzip selbst helfen“ – Prof. Rainer Kirchdörfer auf der Pressekonferenz zur MHK-Jahreshauptversammlung.
Steigende Kosten, fehlende Reformen und politische Lähmung setzen den Standort Deutschland unter Druck. Prof. Rainer Kirchdörfer, Vorstand der Stiftung Familienunternehmen und Aufsichtsratsvorsitzender der MHK Group, analysiert die Lage – und fordert mehr wirtschaftspolitische Klarheit.
Prof. Kirchdörfer spricht in seiner Funktion als Aufsichtsratsvorsitzender der MHK Group. Er ist Jurist und Senior-Partner der Sozietät Hennerkes, Kirchdörfer & Lorz in Stuttgart sowie Vorstand der Stiftung Familienunternehmen. Darüber hinaus ist er Honorar-Professor an der privaten Universität Witten-Herdecke und lehrt zu den Themen Unternehmensnachfolge und Unternehmenssteuerrecht.
Nachdem Volker Klodwig, Vorstandsvorsitzender der MHK Group, in der Pressekonferenz zuvor über Kreativität, Innovation und die emotionale Kraft der Produkte gesprochen hatte, tritt Prof. Rainer Kirchdörfer ans Rednerpult – und setzt einen anderen Ton.
„Es tut mir leid, dass ich Sie vielleicht etwas auf den Boden der politischen Realität zurückführen muss“, sagt er gleich zu Beginn.
Es ist kein Bruch mit dem zuvor Gesagten. Es ist dessen Einordnung.
Zwischen Anspruch und Wirklichkeit
Das Motto der Veranstaltung – creating value together – nimmt Rainer Kirchdörfer direkt auf. Doch er übernimmt es nicht einfach, sondern stellt es zur Diskussion: „Es wäre toll, wenn sich die Politik diese drei Worte auch auf die Fahnen geschrieben hätte.“
Was folgt, ist keine Polemik, sondern eine systematische Betrachtung. Die zentrale Frage formuliert er offen – und bewusst wiederholt:
„Wo bleiben die Wirtschaftsreformen?“
Die Frage nach den Reformen verbindet er dabei explizit mit den Erwartungen aus dem Wahlkampf – und wird ungewöhnlich deutlich: Was bislang vorgelegt wurde, sei aus seiner Sicht „nicht mehr als Heißluft“.
Es ist eine Frage, die – so der Aufsichtsratsvorsitzende – nicht nur ihn beschäftigt, sondern „jeden Tag“ die Familienunternehmen in Deutschland.
Ein Land verliert an Dynamik
Die wirtschaftliche Lage beschreibt er nüchtern:
Prof. Kirchdörfers Analyse zufolge bleibt Deutschland beim Wachstum zurück, Europa stagniert, andere Volkswirtschaften entwickeln sich deutlich dynamischer. Die Prognosen bleiben verhalten, externe Faktoren wie Energiepreise verstärken die Unsicherheit zusätzlich.
Deutschland liege bei den Energiepreisen weiterhin deutlich über vergleichbaren Wettbewerbsnationen – bei Strom teils doppelt bis dreifach so hoch, bei Gas drei- bis vierfach.
Doch Prof. Rainer Kirchdörfer geht es nicht um Konjunkturzyklen. Sein Blick ist strukturell.
„Die Geschwindigkeit des Produktivitätsverlustes Deutschlands nimmt eigentlich noch zu.“
Es ist ein Satz, der mehr ist als eine Diagnose. Er beschreibt eine Entwicklung, die sich nicht mehr durch kurzfristige Maßnahmen korrigieren lässt.
Der Wirtschaftsjurist verweist dabei auch auf internationale Entwicklungen. In wenigen großen chinesischen Metropolen werden jährlich mehr Ingenieure ausgebildet als in ganz Deutschland – ein Vergleich, der die Dimension der strukturellen Herausforderung verdeutlicht.
Prof. Rainer Kirchdörfer verbindet diese Analyse mit einer grundsätzlichen Perspektive auf den Standort Deutschland. Der eigentliche Wettbewerbsvorteil des Landes liege – so seine Überzeugung – nicht in natürlichen Ressourcen, sondern in zwei Faktoren: in der Qualifikation seiner Arbeitskräfte und in der Struktur seiner familiengeprägten Unternehmen. „Die einzigen nachwachsenden Rohstoffe, die wir haben, sind unsere intelligenten Köpfe und unsere familiengeprägte Wirtschaft“, formuliert er. Daraus leitet er zugleich einen Anspruch an Politik und Wirtschaft ab: Die Rahmenbedingungen müssten genau diese Stärken fördern – nicht schwächen.
Politik im Kompromissmodus
Wenn Prof. Rainer Kirchdörfer über Politik spricht, dann mit dem analytischen Zugriff des Juristen.
Was diese Lähmung konkret bedeutet, illustriert der Analyst nicht abstrakt, sondern anhand einzelner Politikfelder – und wird dabei deutlich konkreter.
Im Wahlkampf seien wirtschaftspolitische Reformen in den Mittelpunkt gestellt worden. Die tatsächlichen Ergebnisse bewertet er hingegen nüchtern – und mit spürbarer Skepsis. Angekündigte Entlastungen auf der Ausgabenseite blieben weitgehend aus, stattdessen dominierten aus seiner Sicht weiterhin einnahmeorientierte Maßnahmen.
Am Beispiel der Sozialpolitik verweist er auf die Diskussion um das Bürgergeld. Zwar sei dieses formal ersetzt worden, strukturelle Einsparungen in relevanter Größenordnung seien jedoch ausgeblieben. Gleichzeitig stiegen die Ausgaben in zentralen Bereichen weiter an. Auch bei der Rente und im Gesundheitssystem erkennt er Reformbedarf, sieht jedoch bislang keine ausreichenden strukturellen Anpassungen.
Ähnlich kritisch fällt sein Blick auf den Bürokratieabbau aus. Trotz politischer Ankündigungen seien für viele Unternehmen im Alltag kaum spürbare Entlastungen erkennbar. Instrumente und Reformansätze seien zwar diskutiert worden, ihre Umsetzung bleibe jedoch fragmentarisch.
Besonders detailliert wird Prof. Rainer Kirchdörfer bei der Steuerpolitik. Hier sieht er die Gefahr, dass die reale Belastung für viele mittelständische Unternehmen eher steigt als sinkt. In der öffentlichen Debatte werde häufig mit nominalen Steuersätzen für Kapitalgesellschaften argumentiert, tatsächlich liege die effektive Belastung – insbesondere für Personengesellschaften – bereits heute deutlich höher. Weitere Anpassungen könnten diese Entwicklung verstärken und die internationale Wettbewerbsfähigkeit zusätzlich belasten.
Auch die Haushaltsentwicklung bewertet er kritisch. Trotz angekündigter Konsolidierung steige die Verschuldung weiter an – in erheblichem Umfang und über mehrere Jahre hinweg. Für ihn ist das ein Hinweis darauf, dass strukturelle Prioritätensetzungen bislang ausbleiben. Damit bleibt Reformpolitik vor allem ein Versprechen.
Hinter dieser Entwicklung sieht der Aufsichtsratsvorsitzende ein strukturelles, politisches Problem.
„Die ständige Kompromissnotwendigkeit ist demokratisch sinnvoll – aber sie führt zu einer Lähmung.“
Diese Lähmung, so seine Argumentation, zeige sich konkret: bei Reformen der Sozialsysteme, beim Bürokratieabbau, in der Steuerpolitik. Vieles sei angekündigt, wenig umgesetzt.
Die Kritik bleibt dabei sachlich – aber eindeutig.

Märkte unter Druck
Parallel zur politischen Dimension zeichnet Kirchdörfer ein Bild der Märkte – und rückt dabei die eigene Branche in einen größeren Zusammenhang.
Die Küchenindustrie sei, so seine Beobachtung, exemplarisch für langlebige Konsumgüter insgesamt.
Rückläufige Nachfrage, steigende Kosten, Verunsicherung bei Verbrauchern: Die Faktoren sind bekannt, doch ihre Gleichzeitigkeit verschärft die Lage.
„Das schafft eine toxische Kombination“, sagt er – und meint damit das Zusammenspiel aus Nachfragerückgang und steigenden Kostenstrukturen.
Für die Küchenbranche lassen sich daraus konkrete Konsequenzen ableiten: Projekte dürften vorsichtiger geplant werden, Investitionsentscheidungen sich verzögern, während gleichzeitig der Druck steigt, sich über Planungskompetenz und Service zu differenzieren.
Und doch bleibt Prof. Rainer Kirchdörfer nicht bei der Analyse stehen. Er verschiebt den Fokus – weg von Politik und Märkten, hin zu den Unternehmen selbst.
Er strukturiert seine Analyse entlang von drei Ebenen: Politik, Märkte und unternehmerisches Handeln.
„Wir müssen uns im Prinzip selbst helfen.“
Es ist vielleicht der zentrale Satz seiner Rede.
Denn hier liegt für ihn die eigentliche Gestaltungskraft: im Handeln der Akteure. In der Fähigkeit, sich anzupassen, zu differenzieren, Entscheidungen zu treffen – auch unter schwierigen Bedingungen.
Dass die Branche bislang vergleichsweise stabil geblieben ist, führt er genau darauf zurück.
Innovation statt Preiskampf
Prof. Rainer Kirchdörfers strategische Ableitung ist klar – und frei von Schlagworten.
„Stetiges Jammern bringt uns keinen Euro Umsatz.“
Stattdessen formuliert er eine Richtung: Nicht Preisführerschaft, sondern Differenzierung. Nicht Reaktion, sondern Gestaltung.
Innovation, Digitalisierung, neue Geschäftsmodelle – das sind für ihn keine Trends, sondern notwendige Antworten auf veränderte Rahmenbedingungen.
„Es geht nicht darum, wo wir besser sind. Es geht darum, wo wir anders sind.“
Der Kunde als Beziehung
Bemerkenswert ist dabei auch sein Blick auf den Kunden. Prof. Rainer Kirchdörfer widerspricht einer rein datengetriebenen Perspektive.
„Unsere Kunden sind nicht nur Stammdatenproduzenten.“
Stattdessen beschreibt er ein Beziehungsverständnis – und leitet daraus veränderte Anforderungen ab: mehr langfristiges Denken, stärkerer Fokus auf Gesamtkosten, wachsende Bedeutung von Energieeffizienz.
Was jetzt zählt
Am Ende steht kein Appell, sondern eine Verdichtung seiner Argumentation.
Die Politik, so lässt sich seine Position lesen, wird kurzfristig keine grundlegende Lösung liefern. Erwartungen formuliert er dennoch – etwa beim Wohnungsbau oder bei den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen.
Sein Fokus liegt auf den Unternehmen, deren Entscheidungen und deren Fähigkeit, unter gegebenen Bedingungen handlungsfähig zu bleiben.
Vieles, was politisch angekündigt wurde, bleibt vorerst offen. Die Märkte bleiben angespannt.
Was bleibt, ist der Handlungsspielraum der Unternehmen selbst.
Oder, wie Prof. Rainer Kirchdörfer es formuliert:
„Wir müssen uns im Prinzip selbst helfen.“
Es ist weniger ein Appell als eine Zustandsbeschreibung – und vielleicht genau deshalb so wirksam.
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