Jan Kurth, Hauptgeschäftsführer der Verbände der Deutschen Möbelindustrie, ordnet im Interview die aktuelle Lage der Möbel- und Küchenmöbelindustrie ein und beschreibt die Bedeutung des Wohnungsbaus für die Branchenentwicklung.
Die Möbelindustrie reagiert besonders sensibel auf Veränderungen im Wohnungsbau. Neue Wohnungen, Umzüge und Eigentumsbildung lösen typischerweise Investitionen in Küchen und Einrichtung aus.
Wohnungsbau als zentraler Nachfragefaktor für die Möbelindustrie
Die deutsche Möbelindustrie befindet sich seit mehreren Jahren in einer schwierigen Phase. Nach Angaben der Branche war 2025 bereits das dritte schwache Jahr in Folge. Besonders deutlich zeigt sich die Situation im Küchensegment, das traditionell eng mit der Entwicklung des Wohnungsbaus verbunden ist.
Jan Kurth, Hauptgeschäftsführer der Verbände der Deutschen Möbelindustrie, beschreibt die Lage im Interview differenziert. Die allgemeine Branchenentwicklung bleibe weiterhin unbefriedigend, auch wenn sich im Küchensegment erste Stabilisierungstendenzen abzeichnen. Belastungsfaktoren seien vor allem eine schwache Konjunktur, geopolitische Unsicherheiten sowie die anhaltend schwache Baukonjunktur.
Die wirtschaftliche Entwicklung des Möbelmarktes folgt dabei weniger kurzfristigen Konsumimpulsen als strukturellen Veränderungen im Wohnungsmarkt. Neue Wohnungen, Umzüge und Eigentumsbildung lösen typischerweise Einrichtungsentscheidungen aus. Bleibt die Bautätigkeit schwach, werden größere Anschaffungen häufig verschoben.
Marktentwicklung im Küchensegment
Der Umsatz der deutschen Küchenmöbelindustrie lag 2025 bei rund 5,6 Milliarden Euro. Im Inlandsgeschäft wurden etwa 3 Milliarden Euro umgesetzt, was einem leichten Plus von 0,3 Prozent entspricht. Der Markt stabilisiert sich damit, ohne jedoch bereits wieder deutlich zu wachsen.
Die Produktionskapazitäten der Branche sind derzeit nicht vollständig ausgelastet. Laut Branchenangaben nutzte rund ein Drittel der befragten Hersteller im ersten Quartal 2026 Kurzarbeit. Gleichzeitig liegt das Produktionsvolumen der Küchenmöbelindustrie weiterhin etwa zehn Prozent unter dem Niveau von 2019.
Parallel dazu hat sich die Branchenstruktur verändert. In Deutschland gibt es aktuell rund 400 Möbelhersteller mit mindestens 50 Beschäftigten. Die Zahl der Unternehmen ist damit deutlich niedriger als noch vor einigen Jahren, während die verbleibenden Betriebe im Durchschnitt größer geworden sind.

Baukonjunktur als entscheidender Impuls
Die Nachfrage nach Küchenmöbeln hängt in besonderem Maße vom Wohnungsbau ab. Küchen werden häufig angeschafft, wenn Menschen neu bauen oder umziehen.
Jan Kurth beschreibt den Zusammenhang eindeutig: Wenn keine neuen Wohnungen entstehen, fehlen automatisch auch neue Küchen. Ersatzkäufe bleiben zwar bestehen, doch der Neubau gilt weiterhin als zentraler Nachfrageimpuls für die Branche.
Der Wohnungsbau wird derzeit durch mehrere Faktoren gebremst. Gestiegene Zinsen, hohe Baukosten sowie zusätzliche regulatorische Anforderungen führen dazu, dass zahlreiche Projekte wirtschaftlich schwer darstellbar sind. In der Folge werden Bauvorhaben verschoben oder nicht realisiert.
Baugenehmigungen als Frühindikator
Die Entwicklung der Bautätigkeit lässt sich unter anderem an den Baugenehmigungen ablesen. Laut Statistischem Bundesamt wurden 2025 in Deutschland 238.500 Wohnungen genehmigt. Das entspricht einem Anstieg von 10,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr mit 215.300 genehmigten Wohnungen.
Von den genehmigten Wohnungen entfielen 198.100 auf Neubauten, während 40.400 Wohnungen durch Umbauten im Bestand entstanden. Neubauten konzentrieren sich weiterhin stark auf Mehrfamilienhäuser. In neu errichteten Wohngebäuden wurden 2025 insgesamt 198.100 Wohnungen genehmigt, darunter 128.100 in Mehrfamilienhäusern.
Baugenehmigungen gelten als wichtiger Frühindikator für die künftige Bauaktivität und damit auch für nachgelagerte Branchen wie Möbelindustrie, Handel und Handwerk.
Konsumentenverhalten und Marktstruktur
Möbelkäufe gehören zu den größeren Anschaffungen privater Haushalte und erfolgen meist nicht spontan. Wirtschaftliche Unsicherheit wirkt sich daher direkt auf Kaufentscheidungen aus.
Nach Einschätzung von Jan Kurth beobachten viele Unternehmen derzeit eine zurückhaltende Nachfrage. Verbraucher verschieben größere Investitionen häufiger, insbesondere wenn sich wirtschaftliche Erwartungen oder politische Rahmenbedingungen unsicher entwickeln.
Auch im Vertrieb zeigt sich ein struktureller Wandel. Während die Frequenz in großen stationären Möbelhäusern sinkt, gewinnen digitale Planungs- und Kommunikationsformate an Bedeutung. Online-Konfiguratoren werden zunehmend für die Vorbereitung der Küchenplanung genutzt, während Beratung, Aufmaß und Montage weiterhin häufig vor Ort stattfinden.
Exportmärkte und internationale Entwicklung
Die Küchenmöbelindustrie verfügt über eine vergleichsweise breite internationale Aufstellung. Der Exportanteil liegt bei knapp 50 Prozent und damit deutlich über dem Durchschnitt der Möbelbranche.
2025 erreichte der Export rund 2,6 Milliarden Euro und lag damit etwa 0,9 Prozent unter dem Vorjahr. Trotz dieser konjunkturellen Schwäche gelten internationale Märkte weiterhin als wichtiger stabilisierender Faktor für die Branche.
Innerhalb Europas bestehen weiterhin Wachstumsmöglichkeiten, insbesondere in Ländern mit steigender Bautätigkeit. Beispiele sind Spanien sowie Teile Skandinaviens und Südeuropas. Auch im Mittleren Osten wird Wachstum beobachtet, während andere Märkte – etwa China – derzeit als anspruchsvoll gelten.
Politische Rahmenbedingungen und Perspektiven
Unternehmen der Möbelindustrie sehen sich derzeit mit steigenden Kosten, wachsender Bürokratie und unsicheren politischen Rahmenbedingungen konfrontiert. Für Investitionen sind langfristige Planbarkeit und verlässliche wirtschaftspolitische Entscheidungen entscheidend.
Die Entwicklung der Branche verdeutlicht, wie eng Wohnen, Bauen und Einrichten miteinander verbunden sind. Rund eine Million Beschäftigte arbeiten im Cluster „Bauen und Einrichten“, das Industrie, Zulieferer, Handel, Handwerk und Montage umfasst.
Die Wohnungsfrage wirkt damit über einzelne Branchen hinaus. Veränderungen im Wohnungsbau beeinflussen Investitionen, Konsumverhalten und wirtschaftliche Erwartungen in zahlreichen Bereichen der Wirtschaft.
Das gesdamte Interview finden Sie in der aktuellen Ausgabe von küche + architektur. Hier geht’s zum ePaper
Auch interessant dazu:
Anzeige








